"Gemania blues

Germania blues


 

 

Ein Spätsommernachmittag in Hamburg. Es ist kalt und windig in dieser Zeit. Am Hauptbahnhof ist immer großes Getümmel. Ich habe einen langen Aufenthalt und möchte die Zeit mit einem Bier verkürzen. Auf der Straße gegenüber gibt es viele Restaurants, Cafes und Bars. Ich finde einen freien Tisch und Lasse mich etwas schüchtern dort nieder. Ich spreche sehr Schlecht deutsch. Ein Mann allein in einer fremden Stadt verliert Sein Selbstvertrauen, zieht sich zurück und wird apathisch. Unwichtige Dinge werden plötzlich wichtig.

Ein Bier zu bestellen ist kein großes Problem, aber was passiert wenn der Kellner etwas anderes fragt, oder jemand wissen möchte ob es Einen freien Platz gibt. Ich würde sagen, er ist nicht frei. Wie Kann ich das auf Deutsch sagen? Ich weiß es nicht. Vielleicht Kenne ich die Wörter, und in diesem Moment kann ich sie nicht herausbringen. Wenn mich jemand anspricht werde ich fragen:" Do you speak English?" "Was darf ich Ihnen bringen?" unterbricht der Kellner meine Gedanken. "Ein Bier bitte!" sage ich schnell. Er stand so plötzlich neben mir, ich habe ihn nicht bemerkt. Hoffentlich hat er nicht mitbekommen, dass ich ein Ausländer bin. Ich werde gleich bezahlen, um ihn nicht noch einmal rufen zu müssen. Ein Bettler kommt an meinen Tisch. Er murmelt etwas vor sich hin. Ich zeige mit einer Geste, dass ich ihn Nicht verstehe. Daraufhin geht er. Gott sei Dank, ich kann ihn jetzt nicht gebrauchen.

"Ihr Bier mein Herr! "Dieser Kellner macht mich verrückt! "Wie viel kostet das?" frage ich wie aus der Pistole geschossen. Ich wundere mich über meine Stimme. Wie passt sie durch meinen engen Hals hindurch? Fünf Mark mein Herr!" -sagt er mit einem breiten Lächeln. Ich ziehe krampfhaft mein Portemonnaie aus der Tasche. Das Bier ist Teuer aber ich habe es nicht bemerkt. Ich merke, dass ich auf der Stuhlkante sitze, 'auf dem Sprung'. Ich nehme einen Schluck. Langsam lehne ich mich zurück, und nehme meine Umgebung wahr. Gegenüber gibt es eine Bushaltestelle. Viele Leute warten auf den Bus. Alle sind Ausländer.

Hauptbahnhof-Innen

 

Links von mir gibt es einen leeren Tisch. Rechts von mir zwei ungefähr dreißig Jahre alte Männer, und eine Frau mit Kind. Auf dem Tisch vor ihnen stehen ein Dutzend leere Biergläser, ein Aschenbecher voller Kippen und ein Teller mit Würstchen und Pomesfrites. Sie sind betrunken und in Eine tiefe Diskussion versunken. Ihre Biergläser halten sie in Der Hand. Die Frau mit der Zigarette im Mundwinkel versucht mit Der Gabel das Würstchen zu zerschneiden.

Sie wirkt verwahrlost, hat strähnige Haare und trägt schmutzige Jeans. Die rahmenlose Brille verleiht ihr einen seriösen Ausdruck. Ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, versucht sie dem Kind ein Stück Wurst zu geben. Der ungefähr 5-jährige Junge gibt durch eine Abwehrende Geste zu verstehen, dass er nicht essen will. Sein Gesicht ist verschmiert und seine blonden Haare wirken dreckig.

Seine schmutzigen Hände wischt er an der Hose ab. Er trägt ein zerrissenes Hemd und Schuhe mit Löchern. Die Kippen im Aschenbecher quellen über dessen Rand bis auf den Teller mit dem Würstchen. Die Männer sind so betrunken, dass sie nicht merken wenn Sie in den Essensteller Aschen. Die Mutter hört dem Gespräch der Männer sehr konzentriert zu. Vor ihr steht ein volles Bierglas. O Gott, denke ich, wie sieht die Zukunft dieses Kindes aus?

Die Mutter steht plötzlich auf und geht in das Cafe' hinein. Die Zwei Männer bemerken es nicht. Das Kind beginnt zu weinen. Einer Der Männer nimmt das Stück Wurst und will es ihm geben. "Gili, gili, gili!"- lallt er dabei. Das Kind weint noch mehr. Die Wurst fällt auf den Boden. Wankend steht er auf, nimmt das Würstchen vom Boden und macht einen neuen Versuch. Das Kind dreht Weinend den Kopf weg. "Gili,gili,gili!"- lallt er noch einmal. In diesem Augenblick kommt die Mutter zurück und beruhigt das Kind. Sie haben eine neue Runde bestellt. Auf dem Bürgersteig vor dem Cafe' Stehen plötzlich zwei Musiker. Während sie spielen sammelt ein Dritter Geld. Ich habe nichts gegeben. Sie sind schlechte Musiker. Ich bin wieder in meine Gedanken versunken.

 

 

Hauptbahnhof

Ich bemerke die Bushaltestelle wieder. Es muss gerade ein Bus angekommen sein, denn der Bürgersteig ist voll von Leuten. Zwischen diesen fällt mir eine schwarze Frau mit drei Kindern auf. Ungefähr 30 Jahre alt und sehr hübsch. Sie ist stilvoll gekleidet. Die Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen zwischen 6 und 8 Jahren alt, sauber und gepflegt. Es ist schwer zu sagen ob die Kragen oder ihre Zähne mehr glänzen. Sie tragen weiße –Strümpfe und gut geputzte Schuhe. Sie stehen ruhig. Einer der Jungen sieht den Knaben am Tisch neben mir. Er lächelt den Jungen an. Die drei Kinder erwidern dieses Lächeln. Der Knabe steht auf um in paar Schrite auf sie zu zumachen. Die Mutter bemerkt sein Aufstehen nicht. Die drei wollen ebenfalls zu dem Knaben gehen. Sie stehen einander gegenüber und grinsen sich an.

In diesem Augenblick bemerkt die Mutter, dass der Knabe nicht auf seinem Platz sitzt. Sie steht auf, wankt zu den Knaben, packt ihn und zieht ihn zurück zum Tisch. Sie dreht sich um, nimmt die Zigarette aus dem Mund und beschreibt mit ihrem Arm einen großen Bogen auf die Kinder gerichtet. Dabei schreit sie: "AUSLÄNDER RAUS!" Die Kinder machen ein paar Schritte zurück und suchen Schutz bei der Mutter. Die Blicke der beiden Frauen treffen sich kurz, dann wendet die Schwarze sich mit Würde und ohne Worte ab.

Die arrogante und heftige Reaktion der Frau am Tisch überrascht mich. Plötzlich gefällt mir dieser Platz Nicht mehr. Ich stehe auf und lasse das halbvolle Glas zurück. Ich Möchte schnell von hier weg. Mein Zug geht auch in Kürze. Ich muss Noch eine Karte kaufen. In diesem Moment bedeutet es mir nichts mehr ob ich deutsch spreche kann oder nicht. SOLLEN SIE DOCH LERNEN MICH ZU VERSTEHEN!

 


"Bosnapress" Frankfurt 1993